Junge Christen in der DDR -
Begegnung mit einer unfreien Generation

  • Zeitzeugeninterview mit Hr. Hecht

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  • Zeitzeugeninterview mit Hr. Marschall

  • Zeitzeugeninterview mit Hr. Marschall

  • Zeitzeugeninterview mit Hr. Victor und Fr. Scholz

  • Zeitzeugeninterview mit Hr. Victor und Fr. Scholz

1. Einleitung

„Stell dir vor, es gäb‘ keine Grenzen,
die Völker der Welt würden sich gut verstehn‘,
keine Waffen, kein Krieg, keine Folter, kein Hass,
keine Angst vor Gewalt und Vergehn‘.“

Diese Strophe stammt aus einem Liedtext vom Weimarer Jugenddiakon Dirk Marschall, der zu Zeiten der DDR in der Jugendarbeit tätig war. In diesem Lied verpackte er Fakten und Emotionen, die ihn selbst sowie wohl viele andere DDR-Bürger auch an dem Staatssystem störten.

Als das Thema des Geschichtswettbewerbes des Bundespräsidenten „Gott und die Welt - Religion macht Geschichte“ von der Körber Stiftung bekannt gegeben wurde, haben geschichtsinteressierte Schüler der Klassen 10a und 10b des Goethegymnasiums Weimar unter der Leitung von Frau Luther beschlossen, an diesem Wettbewerb teilzunehmen. Das Thema hat von Anfang an unsere Neugier geweckt und uns zum Nachdenken angeregt. Denn wenn man sich überlegt, hat sehr viel in der Geschichte mit Religion zu tun. Viele Ereignisse wurden beeinflusst vom Glauben der Menschen an etwas Höheres. Man schöpfte Kraft und Mut, etwas bewegen zu wollen, man formte kurz gesagt die Geschichte, welche uns zu unseren heutigen Moralvorstellungen und Menschenbild gebracht hat. Natürlich sind diese von Kultur zu Kultur unterschiedlich, weshalb dieses große Thema viel Potenzial zu spannenden Fragen zum Forschen bietet.

Um uns dem Thema zu nähern und unsere Ideen zu sammeln, fertigten wir in unseren ersten Zusammenkünften im September 2016 ein Mind-Map an. Wir hatten sehr viele gute Vorschläge und waren uns deshalb erst nicht ganz einig, welches Thema wir nun bearbeiten wollten.

Schließlich einigten wir uns auf das Thema: „Junge Christen in der DDR – Begegnung mit einer unfreien Generation“, da wir die Chance hatten, viele Zeitzeugen zu befragen und der lokale Bezug gegeben war. Außerdem hörte man dazu schon einiges von Familie, Freunden und Bekannten.

Da wir dieses Thema noch nicht im Geschichtsunterricht behandelt hatten, mussten wir uns zuerst ein Grundwissen aneignen. Mit viel Engagement stürzten wir uns in die Arbeit und versuchten, so viele Quellen wie möglich zu nutzen. Hierzu lief zu unserem Vorteil eine sehr passende Filmarbeit der Geschichtswerkstatt Jena e. V. (siehe geschichtswerkstatt-jena.de/projekte/zeitzeugenwerkstatt) im mon ami, welche Skizzen und Abrisse des Alltags in der DDR zeigte und uns ein grobes Gefühl für diese Zeit gab. Des Weiteren war uns die Stadtbücherei Weimar hilfreich, um passende Literatur zu finden. Auch verschiedene Religionslehrer stellten uns interessante Bücher zur Verfügung. Eine Hilfe für unsere Recherche bildete auch ein Projekttag in der Schule im Dezember, welcher uns einen besseren Überblick zur DDR-Geschichte verschaffte.

Wir entschieden uns, diese Themen in kleinen Gruppen zu bearbeiten. Um die allgemeine kirchliche Situation zu veranschaulichen, bearbeitete eine Gruppe das Thema: „Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche“. Da in Weimar der Montagskreis, ein Versammlungsort, an welchem sich junge Bürger zur offenen Arbeit trafen, eine wichtigste Rolle im Leben der Menschen spielte, befasste sich eine Schülerin mit der Jugendarbeit in Weimar. Hinzu kommt, dass wir das Glück hatten, in eine original DDR-Akte Einblick zu erlangen, welche einen besonderen Vorfall des jungen Christen Christian Hecht dokumentiert, welcher sich aus religiösen Gründen weigerte, im Schulunterricht auf eine Zielscheibe in menschlicher Form zu Schießen. Deshalb entschied sich eine unserer Gruppen, sich mit der vormilitärischen Ausbildung zu befassen. Im Gegensatz zu diesem Themenbereich forschte eine Mitschülerin zu dem Thema: „Religionsunterricht zur Zeit der DDR“, da wir gleich am Anfang unserer Forschung in Erfahrung gebracht hatten, dass dieser nicht wie gewohnt in der Schule angeboten wurde. Ein weiteres Thema war die Junge Gemeinde in Weimar. Die letzte Gruppe befasste sich mit den Unterschieden zwischen Jugendweihe, Konfirmation und Firmung.

Nun freuen wir uns, Ihnen die Ergebnisse unserer Arbeit präsentieren zu dürfen.


2. Haltung des Staates gegenüber der Kirche in der DDR

Es bestand ein Grundkonflikt zwischen dem Sozialismus der Staatspartei der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und der christlichen Religion. Dieser beruhte auf einer grundlegenden Meinungsverschiedenheit. Die SED war die dominierende Partei der DDR, die sich den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft zum Ziel setzte. Man verstand sich als demokratische Partei und wollte die Ausbeutung der Menschen und Klassengegensätze der alten Gesellschaft überwinden.

Religion galt im Sozialismus als Überbleibsel dieser kapitalistischen Gesellschaft. Der Glaube an einen allmächtigen, gütigen und gerechten Gott widersprach voll und ganz der sozialistischen Weltanschauung. Jeder gläubige Christ stellte die Ideologie des Sozialismus und somit das ganzen System in Frage.

Die Ideologie der SED ging auf Karl Marx und Friedrich Engels zurück, welche Religion als „Gewissenserleichterung“ der „Ausbeuter“, also der Oberschicht und „Trost“ der „Ausgebeuteten“ ansahen. Ihrer Meinung nach hinderte sie das Volk durch ihr Versprechen auf ein Leben nach dem Tod daran, sich zu erheben und gegen die ungerechten Zustände anzukämpfen und diese beseitigen. Das Ziel der SED war demzufolge die Abschaffung oder zumindest Verdrängung des Christentums und damit auch der Kirche aus der Gesellschaft. Denn diese stellte als Fremdkörper im sozialistischen System eine permanente Bedrohung für den Machtanspruch der Staatspartei dar.

Die nach dem Vorbild der Weimarer Verfassung entstandene Verfassung der DDR vom 7. Oktober 1949 barg weiteres Konfliktpotenzial. Rein formal war es eine liberale Verfassung. In den „Kirchen-Artikeln“, also die Artikel 41 bis 48 der DDR-Verfassung, wurde das Verhältnis des Staates zu den Religionsgemeinschaften geregelt. Es bestand „volle Glaubens- und Gewissensfreiheit“ sowie die „ungestörte Religionsausübung“. Des Weiteren wurde den Religionsgemeinschaften zugestanden, „zu den Lebensfragen des Volkes von ihrem Standpunkt aus Stellung zu nehmen“. Die Kirche durfte sogar an den Schulen Religionsunterricht erteilen und für die Seelsorge in Strafanstalten, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen sorgen. Außerdem war in Artikel 43 der DDR-Verfassung niedergeschrieben, dass es „keine Staatskirche“ gebe. Sogar der kirchliche Besitz wurde garantiert.

Doch das, was in der Verfassung stand, hatte wenig mit der tatsächliche Praxis zu tun. Denn seit 1968 ist die SED fest als führende Rolle in der Verfassung verankert. Sie stellte ihre Ideologie über die Verfassung und somit auch über das geltende Recht. Sie sah die Verfassung beziehungsweise das Recht lediglich als Mittel zur Durchsetzung ihrer Macht an. Die verfassungsmäßigen Rechte aus den „Kirchen-Artikeln“ wurden entweder antireligiös von der SED gegen die Kirche ausgelegt oder einfach komplett ignoriert. So konnte beispielsweise Artikel 41 Satz 2 gegen die Kirche ausgelegt werden, welcher zum Inhalt hatte: „Einrichtungen von Religionsgemeinschaften, religiöse Handlungen und der Religionsunterricht dürfen nicht für verfassungswidrige oder parteipolitische Zwecke missbraucht werden.“ Allerdings entschied die SED, was verfassungswidrig war. So nutze sie diesen Artikel, um der Kirche vorwerfen zu können, sich in politische Angelegenheiten eingemischt zu haben, als diese Einsprüche gegen die allgemeine Wehrpflicht und die atheistische Jugendweihe kundtaten.

Das Verhältnis zwischen Kirche und Staat durchlebte unterschiedliche Phasen. In Weimar wurde zum Beispiel in den 50er Jahren der Pfarrer Martin Giersch verhaftet und in Bautzen inhaftiert. Er traf sich mit der jungen Gemeinde regelmäßig im Turm der Jakobskirche Weimar. Die Verhaftung diente hauptsächlich dem Zweck der Einschüchterung. Da die Kirche mehrere Privilegien besaß, versuchte man den Kirchoberhäuptern angebliche Skandale, wie zum Beispiel Ehebruch oder Sonstiges, anzuhängen. Man wandte sogenannte Zersetzungsmethoden an, um die Menschen zu beeinflussen und im Sinne des Staates zu lenken.

Außerdem wurden viele christliche Schüler oft vom Abitur ausgeschlossen, da der Staat zum einen eine Gefahr sah, aber hauptsächlich, da es dem Ideal des sozialistischen Staates nicht glich. Mit der Zeit fingen Kirche und Staat zwar an zu kooperieren, jedoch schlossen sich mit der Zeit immer mehr Atheisten der offenen Arbeit an. Darunter wurden allerdings auch viele Inoffizielle Mitarbeiter (IM) von der Staatssicherheit eingeschleust, um Informationen zu sammeln, was unter dem Dach der Kirche vor sich ging. Teilweise auch um einige, vor allem junge Christen zu rebellischen Taten anzustiften. Denn so ließen sich die Aufrührerischen etwas zu Schulden kommen, was vom Staat gegen sie verwendet werden konnte.

Insgesamt hat die DDR mit ihrer Propaganda und dem inoffiziellen Zwang zur Staatstreue der Kirche ziemlichen Schaden zugefügt. In der ganzen DDR-Zeit sind die Mitgliederzahlen stark gesunken, sodass evangelische und katholische Christen in der DDR in der Minderheit waren.

Abschließend kann man sagen, dass zum Ende der DDR Kirche und Staat zwar nicht friedlich, aber auch nicht in einem öffentlichen Streit nebeneinander existiert haben. Das ist nicht zuletzt dem geschuldet, dass die DDR immer mehr versuchen musste, den Staat zusammen zu halten. Denn es galt, die politischen Positionen zu sichern und eine Revolution zu verhindern.


3. Die Entwicklung des Religionsunterrichtes in der DDR

Religionsunterricht wurde in der DDR als „ordentliches Lehrfach“ verboten, da eine religiöse Erziehung der Schüler mit der sozialistischen oder kommunistischen Ideologie nicht übereinstimmte.

Im Juni 1949 mussten neben den religiösen Privatschulen aber auch fast alle weltlichen Privatschulen geschlossen werden, da diese nicht in das Schema einer demokratischen, säkularisierte Einheitsschule passten. Die Erziehung der Schüler sollte zudem nicht mehr „durch Glaubensbekenntnisse und Weltanschauungen zerrissen werden“.
Deshalb waren auch jegliche religiösen Lehrmittel oder Symbole aus dem Unterricht fernzuhalten.

Die Verfassung vom 7. Oktober 1949 garantierte den Kirchen einen von den Gemeinden selbstorganisierten und selbstfinanzierten Religionsunterricht (genannt Christenlehre) für die Erziehung christlich getaufter Kinder. Diese beinhaltete das Recht der Kirche, Religionsunterricht in Räumen der Schulen durchführen zu können. Auch eine Verhinderung der Erteilung des Religionsunterrichtes durch außenstehende Personen wurde untersagt (siehe Artikel 44: „Das Recht der Kirche auf Erteilung von Religionsunterricht in den Räumen der Schule ist gewährleistet. Der Religionsunterricht wird von den durch die Kirche ausgewählten Kräften erteilt. Niemand darf gezwungen oder gehindert werden, Religionsunterricht zu erteilen.“).

Trotzt dieser Regelungen verweigerten viele Schulbehörden, den Gemeinden Räume zu Unterrichtszwecken zur Verfügung zu stellen. Die Entwicklung zog sich meist lange Zeit hin, in welcher der Religionsunterricht nicht stattfinden konnte.

Die Erteilung des Religionsunterrichtes wurde von der Regierung durch verschiedene Maßnahmen seit der 50er Jahre erschwert. So durfte Religion nur zusätzlich zu allen anderen Fächern unterrichtet werden, die zuständigen Lehrer durften nicht mehr von der Kirche ausgewählt werden, sondern wurden von Schulbehörden bestimmt.

Auch die Unterrichtszeiten für Religionsunterricht wurden verschoben, damit die Schüler „von physischer und geistiger Überforderung bewahrt“ blieben. Deshalb durfte Religionsunterricht nicht vor und in den ersten beiden Stunden und erst zwei bis drei Stunden nach Schulschluss stattfinden. Diese Regelung wurde auch an der Erweiterten Oberschule in Weimar eingeführt, wie uns die Zeitzeugen Christian Hecht, Pfarrer Dr. Marcus Victor und Gemeindepädagogin und frühere Religionslehrerin Heidrun Scholz bestätigten.

Nach 1958 wurde Religionsunterricht außerdem nur noch an Grundschulen (von acht Schuljahren) genehmigt. Die Zahl der Teilnehmer am Religionsunterricht in den Schulen ging mit der Zeit stark zurück, in vielen, zum großen Teil ländlichen Gebieten konnte der Religionsunterricht aufgrund fehlender Räume, mangelnder Lehrkräfte oder anderen Vorkommnissen nicht stattfinden. Sollten Schüler dennoch die Christenlehre besuchen oder an kirchlichen Kreisen oder Veranstaltungen teilnehmen, wurden sie häufig durch ein nicht christliches Umfeld unter Druck gesetzt.

So sank die Zahl der Teilnehmer der Christenlehre immer weiter, allein zwischen 1955 und 1960 reduzierte sich der Anteil in den Klassen von 68% zu 34%. Am Ende der DDR lag dieser Anteil bei ca. 12%.

Alle Maßnahmen der Regierung der DDR gegen die Kirche und vor allem auch den Religionsunterricht lassen sich gut auf das Hauptziel des Staates, den Aufbau des vollkommenen Sozialismus bzw. Kommunismus beziehen.


4. Die Junge Gemeinde

Definition und erste Jahre in der Sowjetischen Besatzungszone sowie in der DDR

Als Junge Gemeinde wurden in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) die Jugendarbeit und die Jugendgruppen der evangelischen Kirche und somit eine Form der evangelischen Gemeindearbeit bezeichnet, wobei es sich dabei um keine Organisation handelte. Eine eigenständige christliche Jugendorganisation wäre weder in der Sowjetischen Besatzungszone noch in der DDR zugelassen worden. Erstere duldete nach 1945 zunächst die Kirchenarbeit, da sie die Christen für die „antifaschistisch-demokratische Ordnung“ gewinnen wollte. Drei Jahre später begannen die Versuche, die Kirche aus der Gesellschaft zu verdrängen.

Die Jungen Gemeinden hatten eine Zeitschrift, „Die Stafette“, und ein Abzeichen – eine Weltkugel mit Kreuz, deren Tragen von staatlicher Seite (z.B. Schulleiter) aus häufig ohne gesetzliche Grundlage verboten wurde. Von Seiten der Sowjetunion bestand die Hoffnung, die Kirche in den Kampf gegen die Wiederaufrüstung im Westen einbinden zu können, so dass nach 1950 auch die Junge Gemeinde eine Zeit der relativen Duldung erfuhr. Doch spätestens seit dem Frühjahr 1952, einhergehend mit der verschärften Stalinisierung der DDR mehren sich erneut die Angriffe gegen die Junge Gemeinde.

In Weimar war seit 1951 Martin Giersch als Pfarrer tätig. Er gründete im Mai 1954 den „Sonnabendkreis“ für Weimarer Jugendliche und junge Erwachsene ab 17 Jahren, Frauen eingeschlossen. Giersch wurde 1955 auch Studentenpfarrer und leitete seit dieser Zeit die „Evangelische Studentengemeinde“ (ESG) Weimar. Beide Gruppen trafen sich in seiner Dienstwohnung. Die Bandbreite der von ihm gelenkten Fragen ging weit über die damals üblicherweise in vergleichbaren Diskussions- und Gesprächsrunden erörterten Themen hinaus. Außerdem bemühte er sich um Partnerschaften zu westdeutschen Studentengemeinden und gegenseitige Besuche. Er weitete somit nicht nur den Glaubens- sondern auch den geographischen Horizont. Am 24. Juni 1957 wurde Martin Giersch mit sechs Studenten der ESG festgenommen, letztere mussten unter Druck gesetzt gegen Martin Giersch und die ESG Aussagen. Diese somit „verfälschten“ Aussagen wurden im späteren Prozessverlauf als belastendes Beweismaterial eingesetzt.

Verschärfung der Situation seit 1953

Die Junge Gemeinde wird als Agentenzentrale des Westens diffamiert. Anfang 1953 verabschiedet das Politbüro einen „Plan für die Entlarvung der Jungen Gemeinden als Tarnorganisationen für Kriegshetze, Sabotage und Spionage, die von westdeutschen und amerikanischen imperialistischen Kräften dirigiert wird“. Erich Honecker, zu jener Zeit Vorsitzender der Freien Deutschen Jugend (FDJ), sollte den Plan hauptverantwortlich umsetzen. Die Zeitung der FDJ, die „Junge Welt“, veröffentlichte daraufhin am 1. April 1953 eine Sondernummer, die voll war von Hetze gegen die Junge Gemeinde. Als weiteres psychologisches Druckmittel wurden in den Schulen Veranstaltungen abgehalten, auf denen man das angeblich ungute Treiben der Jungen Gemeinde enthüllte. Wer sich weigerte, aus der Jungen Gemeinde auszutreten, wurde von Oberschule oder Universität relegiert, was innerhalb einer offenen Abstimmung der Mitschüler oder Kommilitonen entschieden wurde.

Neun Tage später wandten sich die evangelischen Bischöfe an die sowjetische Besatzungsmacht, doch Moskau reagierte erst nach zwei Monaten helfend, indem die SED angewiesen wurde, die Restriktionen gegen die Kirchen zurückzunehmen (Neuer Kurs). Nach einem Treffen zwischen Ministerpräsident Otto Grotewohl und Bischof Otto Dibelius wurde eine Verlautbarung veröffentlicht, die besagte, dass alle zuvor ausgesprochenen Verweise von Schülern und Studenten rückgängig gemacht werden. In der Zwischenzeit war im März 1953 Josef Stalin gestorben, was in der Sowjetunion dazu führte, über einen Kurswechsel nachzudenken, von dem die deutschen Kommunisten aber nichts wissen wollten.

Am Volksaufstand gegen die SED-Herrschaft vom 17. Juni 1953 beteiligen sich auch viele Christen und Theologen. Dieses Aufbegehren scheiterte, da die sowjetische Militärmacht massiv eingriff. Rund 100 Menschen starben, andere wurden standrechtlich erschossen, wieder andere flüchteten in den Westen. Unter denen, die blieben, stieg die Zahl der politischen (und somit auch christlichen) Häftlinge auf 65.000, den höchsten Wert in der 40-jährigen Geschichte der DDR. Es folgten Gerichtsverfahren und Zuchthausstrafen. Die gerade erst bekundete Liberalisierung gegenüber der Jungen Gemeinde wurde im Keim erstickt. Die SED suchte in der Zukunft keine so öffentliche Konfrontation mehr und setzte auf die langfristige Benachteiligung von Christen in Ausbildung und Beruf.

Funktion der Jungen Gemeinde

In den folgenden Jahrzehnten konnte sich die Kirche als Schutzraum für unangepasste Jugendliche etablieren. In der Jungen Gemeinde fanden diejenigen Menschen eine Nische, die sich vom sozialistischen Staat nicht vereinnahmen lassen wollten. Im Rahmen ihrer diakonischen Arbeit versammelten sich unter ihrem Dach so unterschiedliche Gruppen wie die Wehrdienstverweigerer, Umwelt-, Friedens-, Schwulen-, Lesben-, Frauen-, Menschenrechtsgruppen und Punks. Viele der Gruppen, die die Revolution im Herbst 1989 entscheidend vorangetrieben und geprägt haben, gingen aus den Strukturen der Jungen Gemeinde hervor.

Doch der SED-Führung entging nicht, dass sich mancherorts rasch ein Sammelbecken für kritisch oder sogar staatsfeindlich denkende junge Menschen entwickelte. So ging in Thüringen (Bezirk Gera) aus der Jungen Gemeinde z.B. auch der Eisenberger Kreis hervor. Seit zu Beginn der 50er Jahre die rigorose Verfolgung systemkritischer Jugendlicher an Schulen und Universitäten eingesetzt hatte, war offene politische Opposition nicht mehr möglich. Die Bedrohung durch lange Haftstrafen ließ jede Systemkritik zu einem hohen Risiko werden.

Die kirchliche Jugendarbeit in Weimar 1970er - 1980er Jahre

Seit 1977 war Erich Kranz Pfarrer an der Jakobskirche Weimar und bemühte sich seit jeher, gegen den Widerstand der Kirchenleitung Angebote für Nichtchristen aufzubauen. Schon ein Jahr später, 1978, rief Kranz den sogenannten „Freitagskreis“ der Jungen Gemeinde ins Leben. Dies war ein Vorläufer der „Offenen Arbeit“ in Weimar. Um 1970 entstand schon durch Walter Schilling eine Art „Offene Jugendarbeit“ in Jena, mit welcher er den Menschenrechtspreis in Weimar erhielt. Schilling hatte ganz zu Anfang seinen Kuhstall in einem Dorf bei Rudolstadt zu einer Begegnungs- und Feierstätte umgebaut. Pfarrer Kranz etablierte die „Offene Arbeit“ mit dem „Montagskreis“, den er im Sommer 1981 initiierte. Dieser war eine Alternative zu staatliche verordneten Jugendklubprogrammen, nach nicht reglementierter Freizeitgestaltung, nach Gesprächen ohne erhobenen Zeigefinger, oft auch nach sich selbst. In den anregenden Diskussionen fanden Themen Platz, welche in der Schule nicht angesprochen werden durften, wie Fragen über Pazifismus, Anarchismus, Identität, Selbstfindung, Hochrüstung und Faschismus. Außerdem fanden Vorstellungen und Vorlesungen von Büchern, die in der DDR nicht verlegt wurden, wie von den Autoren Siegmund Freud, Erich Fromm, Friedrich Nitzsche und kritischen Sozialisten, statt. Insbesondere ist zu erwähnen, dass im „Montagskreis“ über Umweltschutz, Wehrdienstverweigerung und Gesellschaftsutopien, Frauenrechte und Kindererziehung referiert und diskutiert wurde und so auch Aktionen entstanden wie Bachentrümpelungen, Müllsammelaktionen und Baumpflanzaktionen. Es existiert auch eine Kundenszene, in der z.B. die Weimarer Blues-Bands Frachthof und Knuff gehört wurden. Diese Musik wurde vom Staat eher gebilligt als die Punkmusik, zu welcher im Rahmen des „Montagskreises“ Konzerte gehalten konnten. An jedem letzten Donnerstag im Monat fanden seit Oktober 1982 in der Jakobskirche Friedensmeditationen statt, zu denen sich bereits nach einem halben Jahr regelmäßig etwa 500 Besucher einfanden.

So half die „Offene Arbeit“ der Jungen Gemeinde in Weimar immer mehr Menschen, die unzufrieden mit dem Staat waren. Es entstanden Untergruppen, welche Theaterstücke einstudierten und sich noch spezielleren Themen annahmen als der „Montagskreis“. Natürlich ist dabei das Feiern nicht zu kurz gekommen. Es gab Spaß, Feten, Alkohol, Zigaretten und nicht zu vergessen die Musik, welche in den ganzen Jahren der DDR genau wie die „Offene Arbeit“ der Kirche immer Proteste gegen den Staat enthielt.

Die Kreisdienststelle der Stasi in Weimar in der Cranachstraße hatte darauf logischerweise schon „Operative Vorgänge“ angelegt und schloss somit inoffizielle Stasi-Mitarbeiter (IM) wie den schon seit 1977 tätigen Superintendenten Hans Reder in die Kirche ein. Er setzte Erich Kranz unter Druck und so musste eine Zeit lang unter anderem Dirk Marschall die Leitung der wöchentlichen Treffen übernehmen. Bald fand auch die Kirchenleitung Argumente, den „Montagskreis“ in Frage zu stellen, so auch der „Vorwurf eines gewissen Desinteresses in Glaubensdingen“. Der „Montagskreis“ wurde weiter von Herbert Pachmann geleitet, der versuchte, der Kritik zu entfliehen, indem er gezielt regelmäßige Bibelarbeit in das Programm aufnahm. Durch Ausreiseanträge und viele Verhaftungen minimierte sich im Winter 1983 die Zahl derer, die regelmäßig die Treffen besuchten. Das endgültige Aus der „Offenen Arbeit“ in Weimar brachte eine Veranstaltung am 17. September 1984 mit einem Themenabend des Dadaismus. Außenstehende verstanden die Dada-Performance und den kreativen Umgang der Akteure als Provokation, da einer der Jugendlichen sich ohne Hose auf einen Nachttopf setzte, um seine Ablehnung gegenüber den gesellschaftlichen Werten der Gegenwart auszudrücken. Dadurch hatte Reder einen Vorwand, den „Montagskreis“ endgültig aus den Angeln zu heben und konnte sogar den Landesbischof Werner Leich für sich gewinnen. Letzterer schrieb am 21. September 1984 einen Brief an den Gemeindekirchenrat, in dem er verlangte, dass der „Montagskreis“ aufgelöst wird. Dies geschah dann auch.

Schon bald entwickelte sich aus der zentralen Anlaufstelle des „Montagskreises“ eine Dezentralisierung, da das erzwungene Ende die Leute dazu brachte, in den Untergrund zu tauchen, wodurch es für die IM‘s des Staatsicherheitsdienstes schwieriger wurde, in die nun entstanden Gruppierungen einzudringen. Neuformierungen waren Umwelt-, Frauen-, eine unabhängige Menschenrechtsgruppe und der „Denstedter Friedenskreis“. Außerdem bildete sich 1987 ein neuer „offener Gesprächskreis“. Da dieser 1988 seine Treffen im evangelischen Sophienkrankenhaus abhielt, änderte er, um keinem Verdacht Nahrung zu geben, dass er ein „Montagskreis“ sei, den Wochentag der Treffen auf Donnerstag. Es gab somit bis zum Mauerfall immer wieder Gruppierungen, welche aus dem „Montagskreis“ entstanden waren.


5. Die Jugendweihe und die Kirche in der DDR

Die Jugendweihe, deren Ursprung im 19. Jahrhundert liegt, wurde schon in der Weimarer Republik durch Jugendorganisationen der SPD, KPD und Freidenkerverbände zu einem Massenphänomen. Mit der Gründung der DDR erhielt die Jugendweihe eine neue und wichtige Bedeutung im Leben der Bürger. Sie entwickelte sich zu einer festen Institution in den Familien und in der Gesellschaft und nahm den Platz der bisher üblichen Familienfeste wie Konfirmation oder Firmung ein. Sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche nahmen schnell Stellung, nachdem die Jugendweihe 1954/55 wiedereingeführt worden war. So richtete die Kirchenleitung der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg ein Wort an die Gemeinden, in dem sie deutlich machte, dass ein Unterschied zwischen dem christlichen Glauben und der sozialistischen Weltanschauung bestehe. Die Jugendweihe sei nur „eine Angelegenheit derjenigen Menschen […], die die Kirche und Botschaft ablehnen“. Diejenigen Jugendlichen, die an der Jugendweihe teilnehmen, könnten nicht konfirmiert werden, denn beides lasse sich nicht in Einklang bringen. Ähnlich antwortete die katholische Kirche auf der Berliner Ordinarien Konferenz 1954. Sie betonte, dass nur die Firmung für einen Gläubigen in Betracht komme und es keine Vereinigung beider Riten geben könne. Sonst komme es zu einer schweren Sünde. Viele Hirtenworte dieser Zeit beschäftigten sich mit der Jugendweihe. Auch darin nahmen beide große Kirchen einen „Entweder- Oder“- Standpunkt ein. Die SED reagierte darauf mit Druck und verstärkter Polemik gegen die Kirchen. Die Jugendweihe war ein Teil des staatlichen Kampfes gegen die Kirchen. So verfasste das Politbüro eine Vorlage zu „Maßnahmen zur Verstärkung der Aufklärungsarbeit über die Durchführung der Jugendweihe“, woraus später der Leitartikel „Ein offenes Wort zur Jugendweihe“ entstand. Darin wurde zwar erklärt, dass alle Kinder „ungeachtet ihrer Weltanschauung und ihrer religiösen Einstellung“ an der Jugendweihe teilnehmen könnten. Jedoch belegt eine Reihe von Quellen, dass Schüler von ihren Lehrern massiv unter Druck gesetzt wurden, falls sie erklärten, nicht zur Jugendweihe zu gehen. Auch deshalb nahmen zunehmend mehr Jugendliche und ihre Familien daran teil.

Wie das neue allgemeine Fest ausgestaltet werden sollte, musste zunächst noch geregelt werden. Eine feierliche Eröffnungsfeier wurde eingerichtet und ein Vorbereitungsunterricht eingeführt, wie dies auch bei den kirchlichen Feiern damals und heute der Fall war und ist. Jedoch wurde bei den Unterrichtsstunden zur Jugendweihe selbstverständlich nicht das Verhältnis zu Gott besprochen und die Bibel gelehrt, sondern es sollten die „Kernprobleme von der Natur- und Gesellschaftswissenschaften und der Kunst“ geklärt werden. Hinzu kommt, dass die Stunden durch ausgewählten Gesang, Literatur, Filme und Erzählungen ausgestaltet wurden, was wohl wesentlich dazu beitrug, dass viele Jugendliche diese Treffen als attraktiv wahrnahmen. Zur Feier erfolgten eine Festansprache, das Gelöbnis zum Staat, die Verteilung von Geschenkbüchern (z.B. „Weltall- Erde- Mensch“), auch die Nationalhymne der DDR wurde gespielt. In manchen Orten gab es darüber hinaus spezielle Diskos und Tanzveranstaltungen am Abend der Jugendweihe. Die Jugendlichen erhielten von den Gästen Geschenke. Sie machten das Ereignis für viele ebenso interessant wie die teilweise verbreitete Praxis, an diesem Tag zum ersten Mal Alkohol trinken zu dürfen. Schon ab Ende der 1950er Jahre stellte die Jugendweihe ein festes Ritual im Leben der Menschen da. Bis zur Wiedervereinigung nahmen über 80% der Schulabgänger teil. Dagegen sanken die Zahlen der Firmungen, Konfirmationen, Taufen und kirchlichen Trauungen beträchtlich. Die religiösen Feiertage wurden in der DDR drastisch verringert und an ihre Stelle traten staatliche Feiertage (z.B. Massenorganisationen und Aufmärsche). So entschied die SED schließlich den Konflikt zwischen Kirche und Staat für sich.

Doch was ist nach der Wiedervereinigung übriggeblieben? Ist auch heute noch die Jugendweihe so weit verbreitet oder erkennt man einen Aufschwung der Kirchen? Die Jugendweihe bleibt vor allem in den ostdeutschen Bundesländern beliebt. Sie ist ein jährlich wiederkehrendes Fest (wenn auch für wechselnde Teilnehmer), was mit kirchlichen Feiertagen und Festen vergleichbar ist. Sie findet auch in den alten Bundesländern statt, aber mit geringen Teilnehmerzahlen. Damit bleibt die Jugendweihe im Großen und Ganzen ein Phänomen Ostdeutschlands. Die Träger sind aber heute private Vereine, nicht mehr jedoch der Staat, wenngleich sich manchmal auch noch ganze Schulen engagieren, die ja zumeist in kommunaler oder staatlicher Trägerschaft sind. Auch heute ist eine Festrede üblich, welche an die Entstehung und Tradition erinnern soll. Zudem sollen allgemein verbindliche Werte und Ziele an die Jugendlichen vermittelt werden, und es wird der Übergang vom Kind ins Erwachsenenalter thematisiert. In den christlichen Kirchen steht hierfür die Firmung beziehungsweise Konfirmation. Danach erhalten die Jugendlichen eine Urkunde, ein Geschenkbuch und Blumen, zum Schluss folgen Worte der Jugendlichen mit Gedanken über das Erwachsenwerden. Zwar werden die Jugendlichen heute nicht mehr in Unterrichtsstunden auf die Jugendweihe vorbereitet, die Vereine bieten aber zur Jugendweihe Veranstaltungen zu Geschichte und Kultur, Sport und zum Alltag der Jugendlichen an. Außerdem werden beispielsweise Modenschauen in Vorbereitung zu Jugendweihen durchgeführt. Die Jugendweihe ist so auch ein Geschäftsmodell, schließlich zahlen die Eltern an die Vereine und die beteiligten Firmen hoffen, an den Jugendlichen und ihren Gästen zu verdienen. Das anhaltende Interesse an der Jugendweihe in Ostdeutschland lässt sich somit mit gewachsenen neuen Traditionen erklären - schon die Eltern, jetzt auch vielfach Großeltern der Jugendlichen sind zur Jugendweihe gegangen. Eine wichtige Rolle spielt aber auch die Kirchen- und Glaubensferne der meisten Menschen: Die Mehrheit der Bevölkerung in Ostdeutschland ist atheistisch geprägt. Nicht zuletzt schaffen es die beteiligten Unternehmen und Vereine, ein für viele Jugendliche und ihre Familien ansprechendes Ereignis zu präsentieren und zu bewerben.


6. Die vormilitärische Ausbildung

Die vormilitärische Ausbildung war in der DDR (und auch in anderen sozialistischen Staaten) ein Bestandteil der Erziehung und Bildung, genauso wie Klassenausflüge oder Ähnliches. Bereits im Kindesalter wurde damit begonnen, Kasernen zu besuchen. Später gab es dann Geländespiele und sogenannte Pioniermanöver, vor allem in den unteren Schulklassen und in Ferienlagern. Auch im Sportunterricht, ungefähr ab der 9. Klasse, gab es Übungen wie den Weitwurf von Handgranatenattrappen und die Vermittlung einfacher militärischer Manöver und Ordnungsformen. Laut unseres Zeitzeugen Hr. Victor wurde dieser Wehrkundeunterricht unangekündigt während des normalen Unterrichts durchgeführt, sodass sich niemand davor drücken konnte. Es machten zwar alle mit, aber keiner nahm diese „Erziehungsmaßnahme“ wirklich ernst.

Ab dem Schuljahr 1978/1979 wurde der Wehrkundeunterricht schließlich als Pflichtfach eingeführt und nicht mehr unangekündigt durchgeführt, wahrscheinlich auch, weil es damals durchaus die Angst vor einem bewaffneten Konflikt (vor allem in der Staatsführung) gab und man die Bevölkerung dahingehend vorbereiten wollte. Ein weiterer Zeitzeuge, Hr. Hecht, der diesen Unterricht besuchte, verweigerte dort das Schießen auf menschenförmige Schießscheiben, weil das mit seiner Weltanschauung nicht zusammenpasste, was für ihn weitreichende Folgen haben sollte. Er musste in der darauffolgenden Woche täglich zu einem Gespräch mit dem Direktor der Schule gehen und bekam später wegen seiner „Haltung zum Sozialismus“ keinen Studienplatz an der Universität Leipzig, wo er Kunstgeschichte studieren wollte. Zu dem Pflichtfach Wehrkunde gehörte auch ein zweiwöchiges Lager gegen Ende der 9. Klasse. Meistens gingen die Mädchen in einen Lehrgang in „Zivilverteidigung“ an der Schule, der unter anderem eine Ausbildung in Erster Hilfe und Evakuierungsmaßnahmen umfasste, während die Jungen (außer den „absolut unwilligen und kritischen“) in das sogenannte Wehrlager, veranstaltet von der „Gesellschaft für Sport und Technik“ (GST) fuhren, wo sie von Offiziersschülern der Nationalen Volksarmee der DDR (NVA) in Handgranatenwurf, Bewegung und Orientierung im Gelände, Ausdauerläufen sowie im Schießen mit Luftgewehren oder Kleinkaliber-Maschinenpistolen ausgebildet wurden. Es fanden auch Übungen mit Gasmasken und Schutzanzügen sowie Exerzierübungen und theoretischer Militärunterricht statt. Um das Interesse der Jungen hochzuhalten, wurden Wettbewerbe um das beste Ausbildungsergebnis durchgeführt. Diese Lager mussten die Schüler, falls sie auf eine Polytechnische Oberschule (das Äquivalent zu den heutigen Gymnasien) gingen, in der 11. Klasse erneut besuchen. Alle anderen mussten dies nach dem 1. Lehrjahr tun. Teilweise wurde man auch später, während des Studiums oder der Lehre, noch einmal in wehrerzieherische Programme einberufen. Wenn man diese ablehnte, konnte das zu Karriereproblemen bzw. Jobproblemen führen.

Widerstand gegen diese Ausbildung kam vor allem seitens der Kirche auf. So legte zum Beispiel der Bund der Evangelischen Kirchen der DDR einen Widerspruch gegen die Einführung dieses Unterrichtsfaches ein, welcher jedoch erfolglos blieb. Daraufhin bildeten sich in vielen Kirchgemeinden unabhängige Friedensinitiativen, welche sehr staatskritisch waren. Zu regelmäßigen Seminaren zum Thema Frieden kamen Jugendliche aus der ganzen DDR angereist. Die Kirche forderte zudem unter dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen“, einem Zitat aus der Bibel, den Stopp der Aufrüstung an der innerdeutschen Grenze und eine komplette Entmilitarisierung beider deutscher Staaten. Der Verband des „Evangelischen Jungmännerwerks“ initiierte zusammen mit dem westlichen CVJM („Christlicher Verein junger Menschen“) eine gemeinsame Friedensaktion mit demselben Ziel in allen deutschen Kirchen, die erste Friedensdekade.


7. Die Akte von Herrn Professor Dr. Hecht

Zeitzeugengespräch mit Herrn Professor Dr. Hecht

Am 21. Dezember 2016 trafen wir den für uns wichtigsten Zeitzeugen, denn von Herrn Professor Dr. Hecht durften wir auch die Akte aus dem Landesarchiv Thüringen einsehen.

Nach dem Unterricht um 15.00 Uhr konnten wir ihn im Raum 216 unseres Gymnasiums begrüßen. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde und dem Erläutern unseres Projektes durften wir Fragen stellen.

Herr Hecht wurde 1965 in Weimar geboren. Sein Vater war Germanistikprofessor.

Als Schüler lernte er in einer Klasse mit erweitertem Russischunterricht an der damaligen Karl-Marx-Schule I, von der die Hälfte an die Erweiterte Oberschule „Friedrich-Schiller“ wechselte. Auf Wunsch seiner Eltern hatte er Firmung und Jugendweihe. Herr Hecht war Mitglied der FDJ und nach eigener Aussage ein unauffälliger Schüler. Sein Klassenleiter war Dr. Schlüter, der nach Ansicht von Herrn Hecht ihm gegenüber recht loyal war und sogar seinen GST- Beitrag bezahlte. Ein Jahrgang höher waren die bekannten Sprayer, die durch die Aktion „Macht aus dem Staat Gurkensalat“ bekannt wurden.

Herr Hecht wollte nicht zur Armee, sondern zu den Bausoldaten. Als er während des Wehrkundeunterrichts am Papiergraben auf Pappaufsteller in Menschengestalt schießen sollte, weigerte er sich. Dies begründete Herr Hecht mit seiner Zugehörigkeit zur katholischen Kirche und dem Verstoß gegen ein christliches Gebot. Der Klassenleiter meldete das Vorkommnis an die Schulleitung. „Das musste er machen“, war die Aussage von Herrn Hecht.

Daraufhin wurde er eine Woche lang jeden Tag in das Direktorat der Schule bestellt, wo der Direktor und sein Stellvertreter auf ihn einwirkten.

Sein Freundeskreis hat positiv reagiert (es waren nur 7 Jungen in seiner Klasse). So machte auch er sich kaum Gedanken als Jugendlicher. Das Abitur legte er 1984 ab.

Herr Hecht wollte gern Kunstgeschichte studieren, da er sich sehr für Kunst interessierte. Allerdings wurde daraus leider nichts, denn der damalige Stadtschulrat schrieb an die Universität in Leipzig und stellte darin Hechts sozialistische Überzeugung in Frage. Die Universität lehnte ihn daraufhin ab. Es blieb ihm nur noch die Möglichkeit, an einer katholischen Universität Theologie zu studieren. Während des Studiums wurde er 1985 eingezogen und wurde als Bausoldat nach Görlitz versetzt. Durch glückliche Umstände (Überfüllung und ärztliches Attest) konnte er nach einem halben Jahr das Studium fortsetzen.

Nach dem Fall der Mauer 1989 bekam Herr Hecht dann doch noch die Gelegenheit, Kunstgeschichte an der theologischen Fakultät der Universität in Passau zu studieren.

Heute arbeitet Herr Dr. Hecht bei der Klassik Stiftung Weimar und hat eine Professur an der Universität Erlangen.

Die Akte

Zahllose Menschen, die in der DDR lebten, sind von der Staatssicherheit überwacht worden – mit oft gravierenden Folgen. Viele haben an diesem System mitgewirkt. Die Staatssicherheit ist deswegen zu einer Art Synonym für die DDR geworden. Die Kontrollen von Verhalten und Einstellung der Einzelnen wie Sanktionen waren aber nicht auf die Staatssicherheit beschränkt. Vielmehr waren alle staatlichen Stellen und unterschiedlichste Lebensbereiche darin einbezogen. Es gab dabei enge Verbindungen zwischen den staatlichen Einrichtungen, den Behörden und den DDR-Massenorganisationen. Das betraf nicht zuletzt das Bildungswesen. Christian Hecht hat dies als Schüler der 12. Klasse erfahren. Er weigerte sich, bei einer Übung der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) am 30. November 1983 auf Schemenscheiben zu schießen. Zu dem, was daraufhin passierte, existiert Aktenmaterial im Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar.

Das uns zur Verfügung gestellte Material besteht aus vier Teilen:

Nachdem Christian sich dieser Schießübung verweigert hatte, informierte der Klassenleiter am Folgetag den Schuldirektor, welcher im „Beiseins des Klassenleiters eine Aussprache“ mit dem Schüler führte. Christian Hecht betonte daraufhin „seine Vorstellungen von seinem Menschenbild“. Er sah demnach die Schemenscheiben als Abbilder von Menschen und „nach der Bibel“ seien diese „ebenso zu werten (…) wie die Menschen selbst“. Der Direktor erklärte ihm das „sozialistische Menschenbild und von der [sic] Pflicht, sich zu seinem Vaterland zu bekennen und es zu schützen“. Hieraufhin sollte Christian „seine Entscheidung mit den Eltern beraten und seinen Standpunkt mitteilen“. Jedoch blieb Christian Hecht bei dieser Auffassung, auch in weiteren Gesprächen mit dem Schulleiter.

Um den Schüler „auf den richtigen Weg zu bringen“, wurden verschiedene Gremien eingeschaltet: der Elternbeirat, das Lehrerkollegium der Schule (Pädagogenkollektiv), die GOL (Gruppenorganisationsleitung) und die FDJ. Hier wird deutlich, wie schnell der „Vorfall“, der als „außergewöhnlich“ eingeschätzt wird und der ja eigentlich außerhalb der Schule stattfand, weite Kreise zog. Die Lehrer, so zeigt sich hier, sollten sich nicht nur mit ihren Schülern auseinandersetzen, sondern auch mit den Elternhäusern. Es wird zwar von „Bildungs- und Erziehungsarbeit“ gesprochen, aber als „Kernstück des pädagogischen Prozesses“ sollen die Lehrer „die tägliche politische Arbeit mit den Schülern“ sehen.

Zur Beurteilung des Schülers werden, auch das fällt auf, in der Akte viele Informationen über die Eltern Christian Hechts gegeben. Sie beziehen sich nicht nur auf ihre Rolle als Eltern. Vater und Mutter gehören zur sogenannten „Intelligenz“. Der Vater war Literaturwissenschaftler, hatte in den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar gearbeitet und war inzwischen Rentner. Die Mutter, ausgebildete Oberstufenlehrerin für Deutsch und Geschichte, war beim Entstehen der Akte Hausfrau und freiberuflich tätig. Kleine Randnotizen an der Akte zeigen auf, dass beide parteilos sind. Außerdem wird das „Elternhaus“ als „sehr widersprüchlich“ beschrieben. Dazu gehört, dass keiner der beiden Elternteile zu Veranstaltungen der Schule erschienen sei. Frau Hecht sei dennoch häufig in der Schule erschienen, um Krankenscheine vorbeizubringen, die ihren Sohn von verschiedenen Veranstaltungen (meist Sport- oder GST- Veranstaltungen) befreien sollten. Sie wird als „hysterisch“ und „aufbrausend“ beschrieben. Außerdem wird Christian Hecht als Individualist und Einzelgänger dargestellt. Er sei kirchlich gebunden, nehme „aber nicht an den Zirkeln und Kreisen der Kirche teil“.

Christian Hecht wollte an der Karl-Marx-Universität in Leipzig Kunstgeschichte studieren. In der Akte findet sich ein Schreiben des Stadtschulrats an die Universität. Vor der Studienplatzvergabe solle die Universität „gründlich (…) prüfen, inwieweit der Schüler Christian Hecht für die Aufnahme eines Studiums an einer Hochschule unseres sozialistischen Staates geeignet ist“. Er vertrete nicht die „Auffassung vom sozialistischen Menschenbild“ und „die Pflicht der Verteidigung des sozialistischen Vaterlandes“. Damit war Hechts Kunstgeschichtsstudium offensichtlich beendet, bevor es begonnen hatte. Er hat im Interview erklärt, dann keinen Studienplatz in Kunstgeschichte erhalten zu haben. Dazu hat aber offensichtlich auch beigetragen, dass er inzwischen nicht mehr bereit war, einen dreijährigen Wehrdienst zu leisten. Schon die erste Beurteilung der Schule vom 23. September 1983 erwähnt, dass er vor der Musterungskommission erklärt hatte, „nur den 18monatigen Grundwehrdienst“ bei der NVA leisten zu wollen. Hier finden sich auch verschiedene kritische Hinweise zu seinem gesellschaftspolitischen Engagement, gleichwohl wird seine fachliche Eignung für das Fach Kunstgeschichte hervorgehoben. Nach den Diskussionen um seine Schießverweigerung erklärte Hecht auch, Wehrersatzdienst leisten zu wollen. Seine Ablehnung dessen, was der Staat von ihm forderte, hatte sich offenbar verstärkt.

Hecht wurde also bereits vor seiner Schießverweigerung bei der GST, was seine politische Haltung und seinen politischen Einsatz betraf, durchaus schon kritisch beobachtet. Das Handeln der Mutter wurde als Versuch interpretiert, den Sohn vom Sport- und von der (vor-)militärischen Übungen der GST zu bewahren. Seine Verweigerung, auf die Schemenscheiben zu schießen, ist dann als offener Affront wahrgenommen worden. In der Lesart der Behörden lehnte Hecht damit den Staat ab.

Schlussfolgerung

Christian Hechts Entscheidung im Winter 1983 hat den Lebensweg des damaligen Zwölftklässlers maßgeblich beeinflusst. Er studierte schließlich Theologie. Zahlreiche Menschen in seiner Umgebung wurden genutzt, um ihn unter Druck zu setzen. Sie alle werden damit auch erlebt haben, wie schwierig bis bedrohlich eine Verweigerung auch im scheinbar „privaten“ Bereich (Bsp. GST) werden konnte.

Als wir dann die Akten vor uns hatten, mussten wir erst einige Begriffe klären, die uns heute nicht mehr im Sprachgebrauch begegnen. So zum Beispiel GST oder GOL. Auch die Anrede in einem Brief mit „Werte Genossen“ und ein „sozialistischer Gruß“ am Ende waren für uns mehr als ungewöhnlich. Hier sieht man, dass die Politik tatsächlich überall eine übergeordnete Rolle spielte, bzw. leitende Funktionen nur von SED-Mitgliedern besetzt waren. Auch die Verweigerung des Schießens als „besonderes Vorkommnis“ zu sehen und sofort an die übergeordnete Behörde zu melden zeigt, welchen Stellenwert die sozialistische Erziehung hatte. Anzumerken ist außerdem, dass bei dem Brief des Stadtschulrats an den Bezirksschulrat des Bezirks Erfurt eine handschriftliche Anmerkung zu finden ist, welche darauf hinweist, dass „die Beurteilung von Christian Hecht“, welche davor verfasst wurde, „unmöglich“ sei. Diese beschreibt den Schüler als durchaus positiv. Dagegen steht im Brief vom 5. Dezembers 1983 genau das Gegenteil. Der Einfluss des Stadtschulrates reichte sogar bis zum gewünschten Studienort, der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Auch diese wurde, nachdem sich Herr Hecht als Schüler dort beworben hatte, von seiner Haltung gegen den Staat und dem Vorkommnis unterrichtet. Fachliche Eignung stand also auch hinter der politischen Eignung. Das wäre heute undenkbar.

Während des Zeitzeugengespräches berichtete uns Herr Hecht recht unbeschwert über diesen Teil seiner Jugend. Das mag mehrere Ursachen haben. Er war sich als Jugendlicher sicher nicht den Folgen seines Handelns voll bewusst. Auch zeigt seine Perspektive aus heutiger Sicht, dass er seinen Weg gegangen ist und nach der Wende doch noch sein Studium aufnehmen konnte.

Herr Hecht ist ein Beispiel dafür, wie in der DDR auch schon die Schüler diszipliniert und ein umfassendes System des Drucks aufgebaut wurde.


8. Fazit

In unserer Arbeit wollten wir herausfinden, ob Jugendliche in der DDR ihre Religion frei praktizieren konnten, oder ob es Einschränkungen durch den Staat gab.

Ausgangspunkt war die Frage einer Mitschülerin, ob es denn in der DDR in der Schule auch Religionsunterricht gab.

Das brachte uns auf die Idee, nach den Ursachen zu suchen und uns näher mit dem Staat in der DDR und dessen Einfluss auf die Religion zu beschäftigen.

Neben dem Studium der Literatur gaben uns die Zeitzeugenberichte wichtige Impulse für unsere Arbeit. So sagte uns Herr Dr. Victor, dass man die DDR nicht pauschal als Ganzes betrachten darf, sondern, dass es in der Entwicklung und im Verhältnis Kirche-Staat verschiedene Etappen gab. In unserem vorrangigen Zeitabschnitt, den 70er und 80er Jahren, versuchte die Opposition, ihre Meinung frei zu äußern, Verbesserungen zu erreichen und nutzte hierzu den kirchlichen Raum.

Wir fanden heraus, dass Dinge, die für uns heute völlig normal sind, in der DDR nicht möglich waren. So diskutieren wir heute in der Schule über verschieden Themen und können frei unsere Meinung sagen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Auch das Einwirken des Staates auf den privaten und persönlichen Bereich gibt es heute zum Glück nicht. So waren wir schockiert, dass die Schulbehörde sogar Einfluss auf die Zulassung bzw. Nichtzulassung zum Studium nehmen konnte. Wir sind auch froh, dass wir heute Fächer, wie Wehrerziehung nicht mehr im Unterricht haben.

Insgesamt haben wir gelernt, dass wir heue als Schüler sicher bestimmte Pflichten, aber auch Rechte haben. Und diese Rechte kann uns niemand nehmen. Es liegt an uns selbst, was wir aus unserem Leben machen. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion darf uns nicht einschränken oder behindern.

In der DDR wurden Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit ausgeschlossen. Hier hat der Staat die Ausübung der Religion eingeschränkt. Die Religion machte aber in der DDR auch Geschichte, da viele Menschen im kirchlichen Raum frei und geschützt sein konnten. Die Friedliche Revolution in der DDR ging wesentlich mit von der Kirche aus und zeigte, dass Missstände nicht nur durch Gewalt, sondern auch durch friedlichen Protest beseitigt werden können. Dies führte schließlich dazu, dass wir heute frei und unbeschwert leben und unsere Meinung offen sagen können.


9. Die Website

Durch unsere Recherchen haben wir viel Material und sehr interessante Ergebnisse gesammelt. Wir finden diese Thematik wichtig und wollten unsere Ergebnisse den anderen Schülern unserer Schule zur Verfügung stellen. Darüber haben wir diskutiert und nach einer geeigneten Form gesucht. So wurde durch Adrian, der auch Mitglied des Webteams unseres Gymnasiums ist, die Idee von einer Website eingebracht. Das fanden wir natürlich sehr geeignet, da es eine moderne Form ist und sicher von den Schülern gern angenommen wird. Also machte sich Adrian an die Arbeit und gestaltete die Website, die wir gemeinsam mit unseren Texten und Fotos füllten.

Wir hoffen, dass diese Website viele Besucher haben wird und unsere Mitschüler sich so auch intensiver mit der Geschichte unserer Region beschäftigen.


10. Arbeitsbericht

Im September 2016 hat unsere Tutorin und Geschichtslehrerin Frau Luther in den 10. Klassen unserer Schule angefragt, ob geschichtsbegeisterte Schüler, welche Zeit und Lust hatten, an diesem Wettbewerb der Körber Stiftung teilnehmen möchten. Darauf meldeten sich einige Schüler bei ihr und es entstand unsere kleine Gruppe von 10 Leuten. Wir alle waren gespannt, was uns erwarten würde und gingen mit viel Vorfreude zu unserem 1. Treffen am Dienstag, dem 13.09.2016. Dort galt es als Erstes, das Oberthema des Wettbewerbs „Gott und die Welt – Religion macht Geschichte“ zu besprechen und Ideen für ein eigenes Thema zu sammeln.

Wir haben lange darüber diskutiert, von welchem Thema unsere Arbeit handeln sollte. Es gab sehr viele gute Ideen, welche wir zuerst in einem Mind-Map festhielten. Am Ende dieses zu langen Prozesses der Themenfindung haben wir uns dann auf die Frage „Junge Christen in der DDR – Begegnungen mit einer unfreien Generation“ geeinigt, da uns hierzu der lokale Bezug gegeben ist und unser aller Interesse geweckt war. Nicht unbedeutend war auch der Grund, dass unsere Eltern und Großeltern aus dieser Zeit stammen und selbst viel dazu berichten konnten.

Allerdings gab es schon von Beginn an Schwierigkeiten bei der Terminfindung, da wir aus zwei verschiedenen Klassen stammen und so unterschiedliche Stundenpläne haben. Im 2. Halbjahr kamen dann noch Vorbereitungsstunden für unsere BLF im Mai dazu, welche wir natürlich nur sehr ungern versäumen wollten. Außerdem hat auch unsere Tutorin viel zu tun, da sie nicht nur als Geschichtslehrerin tätig ist, sondern auch als Fachberaterin fungiert. Des Weiteren bereitete es uns Probleme, dass unsere Gruppenmitglieder zum Teil aus Jena und Weimars umliegenden Dörfern kommen. Deshalb waren wir auf Zug- und Busverbindungen angewiesen.

Inzwischen hatten wir mit der Materialsammlung begonnen, um uns in das Thema einzuarbeiten und uns einen groben Überblick zu verschaffen. Wir wollten möglichst vielseitige Quellen nutzen, um das Thema facettenreich zu betrachten. Hierbei waren uns viele Bücher aus der nahegelegenen Stadtbücherei Weimar sowie anderen Bibliotheken sehr hilfreich. Als gute Recherchemöglichkeit erwies sich auch das Internet.

Da wir das Thema DDR noch nicht im Geschichtsunterricht behandelt hatten, mussten wir uns zuerst ein Grundwissen zu dieser Zeit aneignen. Zu den Informationen aus den Büchern befragten wir deshalb auch Bekannte, Verwandte, Freunde und Nachbarn, die diese Zeit selbst erlebt haben. Des Weiteren schauten sich einige Schüler eine Filmarbeit der Geschichtswerkstatt Jena e. V. (siehe: geschichtswerkstatt-jena.de/projekte/zeitzeugenwerkstatt) im mon ami an, welche in Zeitzeugengesprächen Skizzen des Alltags der DDR zeigte.

Später haben wir Unterthemen zu unserem großen Thema und zugehörige Arbeitsgruppen gebildet, wobei jeder das genauer untersuchen durfte, was ihn am meisten interessierte. So entstanden in Einzel- oder Partnerarbeit unsere Texte. Bevor allerdings überhaupt an das Schreiben zu denken war, führten wir Zeitzeugeninterviews mit Menschen aus Weimar durch, die uns ganz speziell zu unseren Themen weiterhelfen konnten. Wir haben viele Leute angeschrieben und persönlich gefragt, ob sie dazu bereit wären, uns in unserer Arbeit und Forschung zu unterstützen. Rückblickend sind wir mit vielen Menschen auch so ins Gespräch gekommen, welche wir zwar nicht direkt zu einem Zeitzeugeninterview eingeladen hatten, aber durch Zufall getroffen haben. So kamen wir beispielsweise nach der Filmarbeit im mon ami mit einer Journalistin aus Berlin ins Gespräch. Sie war eine äußerst interessante Person und wusste viel über ihre Zeit als junge Journalistin im geteilten Deutschland und über die Kirche in der ehemaligen BRD zu berichten.

Vor den Zeitzeugengesprächen überlegten wir uns immer einige Fragen, die wir den eingeladenen Personen stellen konnten, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Später ließen wir diese dann frei über ihr Erlebtes erzählen. So erfuhren wir viel Neues, das uns enorm weiterhalf für das Verständnis über diese Zeit. Die Geschichten und Berichte gaben uns das Gefühl, selbst dabei gewesen zu sein und motivierten uns zur Weiterarbeit.

Neben den Zeitzeugeninterviews hatten wir die Möglichkeit, Einblicke in eine originale Akte der Staatssicherheit zu bekommen; diese zu lesen und auszuwerten. Uns haben vor allem Formulierungen und Fakten, die im Widerspruch zur Aussage unseres Zeitzeugen Christian Hecht standen, irritiert und überrascht.

Insgesamt können wir feststellen, dass das Gespräch mit Zeitzeugen weitaus interessanter war, als das Lesen von Fachtexten. Wir alle haben diese Methode der Forschung bevorzugt und hatten dabei viel Spaß.

Im Januar 2017 wurde es Zeit, mit dem Schreiben der Texte zu beginnen. Dies war ein zeitaufwendiger Prozess und verlangte gute Zusammenarbeit der einzelnen Gruppen, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. Falls wir Fragen hatten oder Anregungen brauchten, stand uns immer unsere Tutorin Frau Luther zur Seite. Ohne sie wäre diese ganze Arbeit nicht möglich gewesen, da sie den wichtigsten Part – die Anleitung der Gruppe – für uns übernommen hat. Sie ermöglichte uns auch, das Arbeiten an der Akte der Staatssicherheit, da nur erwachsene Personen diese mit Zustimmung der betroffenen Person aus dem Archiv ausgehändigt bekommen können.

Generell hatten wir ein Zeitproblem, da sich die Zeitzeugengespräche bis in den Januar 2017 hineinzogen, weshalb wir zum Ende hin sehr viel Arbeit in kurzer Zeit für das Zusammentragen der Texte und für das Erstellen der Website zu erledigen hatten. Dank moderner Medien, wie dem E-Mail-Verkehr, konnte uns auch das rechtzeitig gelingen.

Abschließend ist zu sagen, dass diese Arbeit für alle eine neue Erfahrung war und wir viel über die Nutzung geschichtlicher Quellen gelernt haben. Dies wird uns sicherlich ein Vorteil sein bei der Erarbeitung unserer Seminarfacharbeit, welche wir in den kommenden zwei Jahren schreiben werden.